Computerhauptschule Wieselburg: „Der Computer ist Werkzeug, niemals Selbstzweck“
Das waren die ersten Worte, mit denen Gerhard Brandhofer, Lehrer an der Computerhauptschule (CHS) Wieselburg, in einem Vorgespräch die Rolle des Computers an seiner Schule charakterisierte: „Werkzeug, niemals Selbstzweck.“
Das Konzept der CHS Wieselburg ist so einfach, dass man es schon wieder als genial bezeichnen muss. Wiewohl man weiß: Gerade die einfachen und selbstverständlichen Entwicklungen brauchen das meiste „Hirnschmalz“ in der Entwicklung. Die Herausforderungen für die (damals noch „HS“ ohne „C“ vorneweg) Wieselburg Ende der 90er Jahre waren: ein unbefriedigender EDV-Unterricht, überlastete Lehrkräfte, unterschiedliche Interessen und fachliche Niveaus, dazu der zunehmende Druck der Stundenkürzungen.
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| Das Konzept der CHS Wieselburg ist genial-einfach. |
Nicht mehr und nicht weniger als die Quadratur des Kreises scheint der Schule vor etwas mehr als sechs Jahren, wesentlich initiiert durch den späteren Schulobmann Walter Schrittwieser (damals noch Lehrer an der Hauptschule), gelungen zu sein: Statt zusätzlicher EDV-Stunden einfach existierende Unterrichtsstunden im Rahmen der Schulautonomie nützen und umwidmen.
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| Der Computer wird in allen Gegenständen verwendet. |
Statt den Computer unverbunden neben den normalen Schulalltag zu setzen die Informations- und Kommunikationstechnologie als Werkzeug in Mathematik, in Deutsch, in Geometrisches Zeichnen und in die Bildnerische Erziehung einführen. So genial und so einfach. Und obendrein höchst wirksam, wie die äußerst positiven Reaktionen auf die erste Homepage der Computerhauptschule im Schuljahr 1999/2000 zeigten.
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| Direktor Karl Fahrnberger (re.): "Das Team ist das wichtigste." |
„Ohne das entsprechende Team, ohne die engagierten Leute geht gar nichts. Das Team ist das wichtigste.“ Direktor Karl Fahrnberger weiß, was er an seinen Lehrerinnen und Lehrern hat. Und die Schülerinnen und Schüler wissen auch, was sie an ihren Lehrerinnen und Lehrern haben. Grinsend sitzen sie im Chemieunterricht (der – no na – ebenfalls teilweise im EDV-Raum stattfindet) und arbeiten an den Übungen, die ihnen von Helga Moosbauer, der Chemielehrerin, aufgegeben worden sind. „Wissen Sie“, sagt sie uns, während sie hinten im EDV-Raum sitzt und ihre Schüler dabei beobachtet, wie diese – teils alleine, teils zu zweit – konzentriert, aber gleichzeitig ganz entspannt an den ihnen gestellten Aufgaben arbeiten, „wissen Sie, genau darum ging es mir, als ich damals meinen Unterricht umgestellt habe: Jetzt habe ich endlich Zeit für diejenigen, die meine Hilfe mehr brauchen. Und die G’scheiteren haben endlich die Möglichkeit, auch zu zeigen, was alles in ihnen steckt, und fadisieren sich nicht.“
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Helga Moosbauer: "Wissen Sie, genau darum ging es mir, als ich damals meinen Unterricht umgestellt habe: Jetzt habe ich endlich Zeit für diejenigen, die meine Hilfe wirklich brauchen. Und die anderen fadisieren sich nicht." Gerhard Brandhofer: "Teaching is coaching." |
Grafikwerkstatt, Rechenwerkstatt, Schreibwerkstatt und CAD-Werkstatt bilden das im Rahmen der schulautonomen Stundentafel feststehende Rückgrat der EDV-Integration an der Computerhauptschule Wieselburg. Nomen est omen: In den diversen „Werkstätten“ wird der Computer einfach als „Werkzeug“ für die Mathematik, für Deutsch, für das künstlerische, bildnerische Gestalten, für das geometrische Zeichnen verwendet. „Einfach“. Nun ja. Im Gespräch mit Alfred Koch, Ilse Hörhan, Egon Haslinger, Kurt Tutschek, Helga Moosbauer und Gerhard Brandhofer, dem Kernteam, das die Computerhauptschule Wieselburg erst tatsächlich zur CHS macht, wird deutlich, dass viel, viel Arbeit und Engagement notwendig war, um so weit zu kommen, wie man jetzt ist. „Am Anfang haben wir uns für unsere Besprechungen immer im Gasthaus getroffen. Uns war wichtig, dass wir uns – bei all der Anstrengung – immer in einer gemütlichen Atmosphäre getroffen haben. Es sollte Freude machen!“ Dieses Team hat es tatsächlich geschafft, aus unterschiedlichen Interessen und Stärken das Bestmögliche zu machen. Eben keinen EDV-Einheitsbrei, sondern spezielle Angebote, wie sie nur ein Künstler oder ein überzeugter Deutschlehrer, eine kompetente Mathematikerin usw. sich ausdenken können. Und dieses Spezielle wurde dann durch das Gemeinsame des Werkzeuges Computers verklammert.
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| Das Kernteam der CHS Wieselburg. Von links: Moosbauer, Tutschek (schon wieder im Unterricht), Fahrenberger, Brandhofer, Haslinger, Hörhahn, (Nárosy: interviewt), Koch, (Peherstorfer: fotografiert). |
Was sich seit dem Beginn Ende der 90er Jahre in der Schule verändert hat? Das Kollegium arbeitet in ununterbrochener Vernetzung, in ständigem Austausch und nützt ganz gezielt und absichtlich Synergieeffekte. Und man hat auch gelernt, einander auf Fehler hinzuweisen, lässt sich also von den anderen etwas sagen. Nicht alles-können-müssende Einzelkämpfer, sondern Expertinnen und Experten in ihrem Bereich, die genau wissen, dass sie auch auf die Expertise der anderen angewiesen sind und erst im Team rundum zu Höchstleistungen für ihre Schülerinnen und Schüler auflaufen können.
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| Angelunterricht in der Surfschule: wie die Dinge im Internet verlinkt sind. |
Der Alltag hat sich im Laufe der Zeit eingespielt und komplettiert. Die diversen Werkstätten sind durch ein breites Angebot an unverbindlichen Übungen ergänzt worden. Beispielsweise durch die Surfschule, in deren Rahmen Schülerinnen und Schüler der ersten Klasse im ersten Halbjahr kompakt die Grundlagen des Surfens im Internet lernen. Nicht nur, was das „Handwerkliche“ betrifft, sondern auch hinsichtlich des Verständnisses für das Medium, seine Chancen, aber auch seine Gefahren. Beispielsweise durch das Erlebniskochen (ja, auch hier spielt der PC seine wohl überlegte Rolle!), den PowerPointProfi oder den PC-Picasso. Und natürlich auch den ECDL: Der Erwerb dieses Zertifikates ist ohne Zweifel eine großer Kristallisationskern für die Motivation der Schülerinnen und Schüler. Und die Summe der erworbenen Zertifikate spricht Bände.
Ja, es ist eine nie enden wollende Arbeit. So die Antwort auf die Frage nach dem Aufwand, der für die Computerhauptschule zu leisten ist. Aber es zahlt sich allemal aus. Und es hat – gerade den Älteren im Team – auch wirklich Spaß gemacht, im Lehrerleben eine neue Herausforderung anzunehmen, etwas Neues anzugehen. Der PC ist ein so faszinierendes und motivierendes Werkzeug, dass alles allein deshalb schon Spaß macht, weil es den Schülerinnen und Schülern so viel Spaß macht. Natürlich war es auch viel Arbeit, all die Materialien und ausgetüftelten Unterlagen, die mittlerweile für den Unterricht bereitstehen, herzustellen. Aber das bringt dann auch wieder Entlastung, wenn es einmal läuft – der Aufwand amortisiert sich. Amortisation und Entlastung – und das wird von allen betont – aber nicht nur hinsichtlich des Vorbereitungsaufwands: Gleichschritt im Lernen „nervt“ die Kinder. Es ist viel schöner, wenn jeder in seinem eigenen Tempo lernen kann und man aus einer Fülle von Material schöpfen kann. Wenn es kein Problem mehr macht, wenn man einmal gefehlt hat, da man auf Grund der vorbereiteten Materialien und Übungen einfach nachlernen kann. Und wenn man, sollte man Hilfe brauchen, Lehrer hat, die Zeit für individuelle Hilfestellungen haben. Auch umgekehrt für die Lehrkräfte: Schüler zu coachen macht einfach mehr Spaß als immer und ewig der „Vorbeter“ sein zu müssen.
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| Ein Besuch in der Grafikwerkstatt: Eine Orange wird Pixel für Pixel orange gefärbt. |
Szenenwechsel: Ein Besuch in der Grafikwerkstatt. Die Kinder lernen von Kurt Tutschek, der auch der Webmaster an der CHS ist, mit einem eigenen Programm Icons zu designen. Neben der gestalterischen Herausforderung werden gleichzeitig die Grundlagen der Bildbearbeitung vermittelt. Pixel. Farben. Farbmischung. Spannend, den Schülerinnen und Schülern dabei über die Schultern sehen zu können, wie sie an der Aufgabe tüfteln, eine orange Orange darzustellen. Das Problem: Sie haben gar keine orange Farbe dafür in ihrer Farbpalette am Bildschirm – wie stell’ ich’s nur an? Die Köpfe rauchen. Und die Freude über die gefundene Lösung ist umso größer.
Die Computerhauptschule leistet auch ein gutes Stück Medienerziehung. Gerade durch die intensive Nutzung des PCs wird dieser gleichzeitig entmystifiziert und auf seinen Werkzeugcharakter reduziert. „Es ist eine unserer größten Erfahrungen, dass die Kinder nicht mehr erwarten, dass der Computer sie unterhält, sondern dass sie ihn als faszinierendes Werkzeug entdecken“, fasst Alfred Koch, Kunsterzieher und nebstbei auch Schöpfer des Logos der Computerhauptschule, das zusammen.
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| Alfred Koch: „Es ist eine unserer größten Erfahrungen, dass die Kinder nicht mehr erwarten, dass der Computer sie unterhält, sondern dass sie ihn als faszinierendes Werkzeug entdecken.“ |
Wie soll’s weitergehen? Was wünscht sich das Team für die Zukunft?
Ein Notebook für jeden Schüler. Verstärkung im Team. Als Nächstes führen wir Lernplattformen für die Unterstützung der Lern- und Unterrichtsorganisation ein. Bitte KEINE Stundenkürzungen mehr – man kann einfach nicht überall einsparen und dabei gleichzeitig „Die neue Schule“ plakatieren. Und ohne Vereinnahmung, ohne ein X ein U nennen zu müssen, den eigenen Weg weitergehen können.
Was passieren würde, wenn man der CHS Wieselburg ihre Computer wieder wegnehmen würde? Wer das versuchte, der hätte ein WIRKLICHES Problem mit 300 Schülern und 30 Lehrkräften. Oder, wie ein Kollege halb scherzhaft, halb drohend so schön sagte: „Probier’s!“
Computerhauptschule Wieselburg: http://www.hswieselburg.ac.at
(nat)
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